Fairfashion

Woher kommt dein Shirt?

26. April 2017

Die meisten Kleiderschränke die ich kenne sind voll. Säuberliche Stapel an Unterwäsche, Hosen, Shirts und Pullover. An der Garderobe hängen und stehen Jacken und Schuhpaare für jede Wetterlaune und meistens befindet sich im Keller noch so einiges was auf den richtigen Einsatzmoment wartet. Es wäre zumindest mir unmöglich, all meine Kleidungsstücke gleichzeitig anzuziehen. Brauchen wir all diese Kleider? Und noch wichtiger: Wissen wir eigentlich, woher unsere täglichen Anziehsachen kommen?

Vor ein paar Wochen realisierte ich, dass ich keine Ahnung habe was ich eigentlich täglich anziehe. Klar, Shirt, Hose, Pulli – aber woher sie kommen und wer sie genäht hat weiss ich nicht. Gekauft habe ich die Kleidungsstücke meistens bei einem Moderiesen. Vielleicht weiss ich doch mehr, als ich möchte. Schliesslich habe ich schon oft von unmenschlichen Fabrikationsbedingungen gehört. Gelesen, dass H&M nicht unbedingt für Transparenz steht. Nun, Auslöser das ich mich mit dem Thema auseinander zu setzen begann war der Film „The True Cost“.

Dieser Beitrag ist eine Einleitung zum Thema „Was trage ich?“. Ein erstes Teilen von Informationen die mir begegnet sind. Die Hintergründe unserer Kleidung werden nicht offen mit uns geteilt – aber ich finde jeder sollte zumindest eine Ahnung haben.

Rana Plaza und die Fashion Revolution Week

Diese Woche findet die Fashion Revolution Week zum dritten Mal statt und ich nehme sie als Anlass für diesen Beitrag. Die Bewegung wurde an einem traurigen und denkwürdigen Tag gegründet. Am 24. April stürzte das Fabrikationsgebäude „Rana Plaza“ in Dhaka, Bangladesch ein. Fünf Bekleidungshersteller produzierten dort. Beim Einsturz starben 1’138 Menschen und weitere tausende Personen wurden teils schwer verletzt. Die meisten Opfer waren junge Frauen.
Gegen den Besitzer des Gebäudes wurden Klagen wegen fehlenden Baugenehmigungen sowie wegen der Nutzung von minderwertigem Baumaterial erhoben. Das Unglück wurde also offensichtlich in Kauf genommen um die Kleiderproduktion für westliche Marken nicht zu beeinträchtigen. Aus solchen Fabriken kommen unsere Shirts, Jacken, Hosen…

Die Herkunft

Wir haben wahrscheinlich schon alle einmal das Ettikett an unserem Pullover gelesen. Vielleicht dabei gedacht, dass das Herkunftsland doch ganz schön weit weg ist.

Fakt ist: Unsere Kleidung wird in den billigsten der Billig-Lohn Ländern hergestellt. So kann ein Unternehmen günstigst produzieren lassen und trotz niedrigen Ladenpreisen bei uns Gewinn erwirtschaften. Der Druck wird auf dem Rücken der Angestellten abgeladen. Wie es soweit kommen konnte ist ein Thema für ein anderes Mal.

Vielleicht hast du dich bei deinem Blick auf das Ettikett gefragt, wie die Menschen leben. Wie sie arbeiten, was sie verdienen.

Nicht nur die geographische Entfernung ist gross. Zwischen unserem Lebensstandard und demjenigen in den Produktionsländern unserer Kleidung herrschen Welten. Zu der Fashion Industrie gehört heute in weiten Teilen der Missbrauch von Mensch und Umwelt dazu. Wir kriegen das höchstens am Rande mit, wenn wieder etwas Schlimmes passiert ist oder ein Journalist sich dem Thema annimmt. Dann lesen wir über die schrecklichen Zustände, werden vielleicht durch Bilder berührt. Aber in Wahrheit machen wir den Link zu dem was wir persönlich tragen nicht.

Fehlender Schutz auf allen Ebenen

Bei der Herstellung von Kleidern, welche dann im neusten Look auf Kleiderstangen in der Einkaufsstrasse daherkommen, sind Menschen sehr oft schutzlos. Sie arbeiten ohne Jobsicherheit, schieben Überstunden und haben oftmals eine schlechte Gesundheit infolge von fehlendem Schutz am Arbeitsplatz. Sexuelle Belästigung, Diskriminierung, fehlende Gleichberechtigung und Kinderarbeit gehören laut diversen Reporten in der Mehrheit der Fabriken dazu. All dies sind Situationen die vermeidet werden können, aber nicht werden.

Als drittgrösste Industrie der Welt ignoriert der Grossteil der Fashion Industrie also scheinbar die Menschenrechte.

Nebst all diesen Zuständen am Arbeitsplatz reicht der Lohn einer Arbeiterin, eines Arbeiters nicht einmal für das Mindeste.

„it is estimated, that the current minimum wage in Bangladesh still only covers 60% of the cost of living in a slum.“ (Auszug aus dem White Paper „It’s time for a Fashion Revolution“ aus 2015.)

Es wird geschätzt, dass der aktuelle Mindestlohn in Bangladesch nur 60% der Lebenskosten in einem Slum deckt. Also reicht das hart verdiente Geld nicht einmal für das Nötigste. Krass, oder?

Viele Unternehmen probieren nicht die Lage zu entschärfen. In vielen Fällen sind ihnen nicht einmal die genauen Herstellungsketten ihrer eigenen Produkte nicht bekannt. Es fehlt an Transparenz.

Und es wird auch gegen die Umwelt gewirtschaftet. Giftige Chemikalien gelangen ungefiltert in den Boden, Abgase, ein immens hoher Wasserverbrauch. Es ist erschreckend, wenn man sich erstmal beginnt damit auseinanderzusetzen.

Die unangenehme Wahrheit

Ich bin mit Kleidern aus dem H&M und C&A aufgewachsen. Wieso sollte ich die Herkunft dieser hinterfragen? Auf die Nase gebunden wird sie uns nicht und so kann ich es nicht wissen, wenn ich mich nicht informiere. Moderiesen arbeiten an schönen Storedesigns aber kehren nicht hinter den Kulissen. Von der hübschen, immer zeitgemässen Fassade werden wir geblendet und durch „Conscious-Kollektionen“ abgelenkt. Weshalb sollte man die Konsumenten über schwierige Hintergründe informieren?

Es ist unheimlich praktisch, die Augen zuzumachen und nicht zuzuhören. Weiterhin gedankenlos shoppen gehen und Zuhause stolz die Errungenschaften zu versorgen. Glaub mir, ich möchte diese Bequemlichkeit manchmal auch wieder gerne haben. Aber mit dem Wegschauen tun wir weder unseren Mitmenschen oder unserem Planeten, noch uns selbst etwas Gutes.

Ich frage dich: Wie viele Kleidungsstücke besitzt du? Weisst du, woher sie kommen?
Woher kommt das Shirt, dass du heute trägst?

Die Situation ist verstrickt und es braucht Handlungen von vielen verschiedenen Akteuren. Dazu gehören auch wir: unser Konsumverhalten bestimmt massgeblich die Nachfrage.
Und so unangenehm wie es ist: Genau dieses Konsumverhalten muss sich ändern. Weniger und besser kaufen und uns dabei fragen: Woher kommt die Ware? Welche Hintergründe hat sie?

Und mein Aufruf an dich: Frage dich das nächste Mal, ob du das Shirt wirklich brauchst. Und wenn ja: Suche dir einen Händler, der faire Mode verkauft. Ein Beitrag mit einer Liste für faire Kleidung wird folgen. 

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Die Fashion Revolution Week

Die Fashion Revolution Week findet vom 24. April bis 30. April statt. Sie macht auf die fehlende Transparenz, die ausbeuterischen Zustände sowie auf die umweltschädigende Produktion aufmerksam.

We love fashion, but we don’t want our clothes to come at the cost of people or our planet.
//fashionrevolution.org

Es hat für mich keine Priorität immer möglichst trendig angezogen zu sein. Ich mag schlichte Kombinationen und fühle mich so auch etwas fehl am Platz einen Beitrag zur Fashion Industrie zu schreiben. Aber das Thema ist nicht oberflächlich, es geht nicht um Style. Es betrifft uns alle. Es geht um Fairness, Gleichberechtigung und darum, Bescheid zu wissen.

Quellen:

Film „the true cost“ (auch auf Netflix verfügbar)
PDF Whitepaper 2015 „It’s time for a Fashion Revolution“ (Aufgerufen 24. April 2017)
Beitrag SRF „Wo finde ich faire Kleider?“  (Aufgerufen 25. April 2017)
Websites:

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