Gedanken

Wie Pokémon Go mich überrascht hat

21. Juli 2016

Nach einem langen Arbeitstag, einem Aareschwumm und einem leckeren Abendessen bin ich gestern noch einmal rausgegangen. Hosen angezogen, Schuhe geschnürt und das Haus verlassen, wegen Pokémon Go – und es hat meinen Abend besser gemacht.

 

Pokémon Go

Bild: Manuel Lopez

Ich bin kein Mensch der sofort auf Hypes aufspringt. Lieber beäuge ich einen Trend argwöhnisch und kritisiere ihn, statt auszuprobieren und mitzumachen. Das liegt primär daran, dass ich mit dem was ich habe zufrieden, aber auch weil ich Trends für gefährlich halte. Unter dem Begriff werden uns oftmals Produkte verkauft welche keinen positiven Einfluss auf uns und unsere Umwelt haben. Ausserdem kann ich, kaum damit begonnen, kaum mehr aufhören mit spielen, Serien gucken… ich lasse besser die Finger davon.

Pokémon Go – Das brauche ich nicht!

Seit etwa einer Woche ist Pokémon Go in allen Medien, Menschen stehen herum, starren in ihre Handys und wischen merkwürdig auf dem Display herum. Manche bauen sogar Unfälle, was natürlich einen noch grösseren Medienrummel zur Folge hat.
Pokémon war in meiner Kindheit der letzte Schrei aber ich habe die Karten nie gesammelt und getauscht. War einfach nicht meins, so als Mädchen 😉 Weshalb sollte ich fast 20 Jahre später Interesse an Pokémons haben? Und dann noch der Aufwand eine App über Umwege zu installieren – das war mir zu mühsam.
Nun, seit zwei Tagen ist Pokémon Go nun auch im AppStore der Schweiz erhältlich und dementsprechend teilen noch mehr Menschen ihre Begeisterung mit.

Oder?

Es gibt einen gewissen Punkt, wo auch ich neugierig werde und mir das genauer anschaue. Sonst wirds nämlich fast schon etwas peinlich beim Mittagessen auf der Arbeit. 🙂 Und wenn ich dann auch noch Videos geschickt bekomme von Menschen, welche in Hafenbecken fallen weil sie während dem Spielen nur auf ihr Handy starren – ja dann werde ich echt neugierig!
Und gestern war ich dann so gespannt und etwas davon genervt, dass ich mir die App ebenfalls installiert habe. (Das rechtfertigende Argument mir gegenüber: Schliesslich muss ich mit meiner Ausbildung am Puls der Zeit bleiben.)

Pokémon Go ist ein Augmented Reality Game. Das heisst, Spielobjekte werden in die direkte Umwelt eingebunden. Ich sass also im Garten der Agentur, fing mein erstes Pokémon welches gerade auf dem Tisch sass und hatte ein kleines Erfolgserlebnis. Weil ich ein imaginäres Tierchen getroffen hatte und bald darauf ein Level aufstieg. Bewegt hatte ich mich dazu noch kein bisschen. Am Nachmittag wiesen wir uns auf der Arbeit gegenseitig darauf hin, wenn gerade ein Tierli in der Nähe zu fangen war und es machte schon Lust auf mehr. Nach der Arbeit lief ich an den Bahnhof und entdeckte, dass unterwegs viele sogenannte Poké-Stops vorhanden sind: Orte, wo man die Bälle zum Werfen und Eier finden kann. Leicht peinlich wars mir schon und ich versuchte mein Spielen (ziemlich auffällig) zu verdecken. Am Bahnhof angekommen war ich einige Level aufgestiegen und hatte fünf Minuten länger für den sonst viertelstündigen Weg gebraucht. Und nein, ich bin nicht gelaufen, weil ich Pokémon Go spielen wollte, sondern weil das Tram wegen der Tour de France nicht fuhr. Nur, dass wir das hier klargestellt haben. 😛

Nach dem Abendessen tippte ich auf dem Handy herum. Mitten in der Stadt umgaben mich unzählige Stopps und ich überredete Manuel mit mir diese aufzusuchen. Schliesslich hatte ich irgendeinen Joker eingesetzt, der mir eine halbe Stunde lang Pokémons anzog – den wollte ich nutzen! Stellt euch das einmal vor, völlig erledigt und vollgegessen in Trainerhose da sitzend rafften wir uns auf. Im Bälliz von Thun standen wir wie die letzten Idioten auf unsere Handys starrend herum (wie viele andere) und es machte sogar Spass! Ich war mir bewusst, wie das aussehen mag, dass ich das sonst selber dumm finde wenn Menschen im Weg stehen. Aber besser als alleine zu spielen, ist immer noch gemeinsam. Und während wir durch die Stadt gingen sahen wir, dass unsere Lieblingsgelateria geöffnet war und das Festival “Am Schluss”, mitten in der Stadt, gestartet war. Ohne das Spiel wären wir nicht mehr vor die Haustüre gegangen und hätten also keine schönen Momente auf einer Parkbank mit Eis, guter Musik und versorgtem Handy gehabt. Schon wunderlich.

Interessante Vorteile

Das war aber nicht das einzig Positive: Die Poké-Stopps sind an kleinen bis grossen Sehenswürdigkeiten und Monumenten lokalisiert und werden immer mit einem Bild dieser angezeigt. So habe ich kleine Statuen und Kunstwerke in der Stadt entdeckt, welche ich in meiner ganzen Kindheit nicht gesehen habe. Zum Beispiel ein Bär mit einer Flagge in der Pfote auf einem Brunnen! Natürlich muss man sich auch dafür interessieren. Aber diese Google Bilder-Einbettung macht das Game wirklich spannend. So interessant, dass man diese paar Meter bis zum nächsten Stopp auch noch zurücklegt und sich dabei mehr bewegt, als man denkt. Und die Tierli, welche gefangen werden sind oft echt härzig.

Ich bin überrascht, wie viel Spass diese sinnlose Pokémonsuche macht. Und dass ich durch das Spiel rausgegangen bin und noch was erlebt habe, statt Zuhause YouTube-Videos zu gucken ist definitiv unerwartet. Das Potential, Menschen zum Gehen zu bewegen ist in meinen Augen sehr gross. Umso besser wenn also aus dem Spielen positive Nebeneffekte wie eine bessere Gesundheit gezogen werden. Es ist kein Spiel, welches am Schreibtisch gespielt werden kann und dadurch ist es auch nicht attraktiv beispielsweise während der Arbeitszeit zu spielen. Wenn natürlich statt Hausaufgaben zu machen Pokémon gesucht werden ist das nicht gut, aber das ist bei allen Games so.
Das Spiel ist auf alle Fälle für mehrere Zielgruppen spannend. Wer 1995 Karten gesammelt hat kann seine Kindheit aufleben lassen und wer erst zehn Jahre dannach geboren ist kann genauso gut mitspielen. Ohne Ahnung von Pokémon habe bereits einige Level erklommen, dabei komische Boni gesammelt und den Sinn immer wieder hinterfragt. Es ist nicht mehr als eine Beschäftigung die Zeit kostet ohne einen direkten Nutzen, aber es macht Spass. Und manchmal sollte das Leben einfach Spass machen – auch wenn das bedeutet, dass ich an einer Strassenecke auf mein Handy starre und mein Spielen zu kaschieren versuche. Die elegante Dame neben mir spielt nämlich ganz sicher auch – leicht peinlich berührt und möglichst unauffällig.
Das Spiel ist noch etwas langsam und braucht viel Akku und Datenvolumen. Das solltet ihr also unbedingt beachten, wenn ihr beginnt zu spielen.

Bild: Manuel Lopez

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