Vegane Ernährung

Protest muss nicht immer radikal sein – Zwischenfazit einer veganen Reise

1. Juni 2017

Ich habe Anfang 2016 beschlossen, keine Tierprodukte mehr zu essen. Keine Milch mehr über mein Müsli zu schütten, am Sonntagmorgen keine Eier mehr zu brutzeln und ganz bestimmt immer auf alle Inhaltsstoffe zu achten. Seither sind ziemlich genau eineinhalb Jahre vergangen und ich möchte heute ein ehrliches Zwischenfazit ziehen.

Bist du den Veganerin?

Ob ich denn eine Veganerin sei, wurde ich in dieser Zeit immer wieder gefragt. Diese konkrete Frage habe ich oft der Einfachheit halber mit einem Ja beantwortet. Aber immer habe ich angefügt «so gut es halt geht, so gut wie ich es schaffe». Eigentlich fühle ich mich dem Titel einer Veganerin nicht würdig.

Den, ein Veganer kämpft. Steht für seine Grundsätze ein und isst halt auch einfach mal nichts. Und ich muss zugeben, dass ich in diesen eineinhalb Jahren gemerkt habe, dass ich das nicht bin. Ich habe zwar eigentlich immer etwas zu essen dabei. Weshalb sonst liebe ich wohl Rucksäcke?  Aber es gibt trotzdem die Momente, wo ich es nicht schaffe etwas einzupacken. Oder wo ich zu wenig zu essen dabei habe und mich in Situationen ohne veganes Essen wiederfinde. Und in diesen Momenten bin ich dankbar, etwas (vegetarisches) zu essen zu bekommen.

Es gibt weitere Gründe, weshalb ich mich nicht als Veganerin bezeichnen möchte. Sobald du so etwas sagst, wirst du automatisch in eine Schublade gesteckt. Immer und überall. Dann gehen die Diskussionen los und jeder, aber auch wirklich jeder weiss etwas dazu zu sagen. Persönliche Angriffe sind da nicht selten. Versteh mich nicht falsch: Ich diskutiere das Thema gerne. Aber nicht während dem gemütlichen Zusammensein wo ich einfach nur in Ruhe mein eigenes, feines Essen geniessen möchte.

Weiter sehe ich die Logik in einigen Punkten nicht ganz. Zum Beispiel der Verzicht auf Honig aus der Region im Tee gegen Halsschmerzen. (Beim Backen ist das ganz was anderes, da kann ich auch mit Ahornsirup arbeiten).

Und dann ist da noch das reale Leben, der Alltag: In der Arbeitswelt gibt es Feste und gemeinsame Essen. Wo es bei einem Apéro nicht auffällt wenn ich nichts esse, tut es das sehr bei einer Weihnachtsfeier an der langen Tafel. Da kann ich nicht als einzige mein selbstgemachtes Essen mitbringen und auch kaum Einfluss nehmen wie es bei einem Kochen mit Freunden möglich ist. Wenn ich dann hungrig und wütend am Tisch hocke bringt mich das dem Veganismus nicht näher und andere Menschen, die von meiner Laune in Mitleidschaft gezogen werden, ganz bestimmt noch weniger.

Die Neugier auf Reisen und das grosse Ganze

Ein weiterer Punkt: Ich bin neugierig. Total neugierig auf Reisen. Ich will lokale Spezialitäten ausprobieren.
Weil es mich interessiert, wie andere Menschen, andere Kulturen essen. Und wegen einem «Pate di Nata» in Lissabon ändert sich mein Einsatz für die Welt nicht.
In dem Moment konsumiere ich zwar selbst ein verarbeitetes Tierprodukt, dafür protestiere ich tagtäglich. Indem ich sonst die ganze Zeit kein Fleisch, keine Milch, keine Eier kaufe im Supermarkt und immer vegan koche. Das ist nicht radikal, aber effizienter als nichts.

Ich mache aber bei dieser Neugier einen Punkt: Fleisch esse ich auch da nicht. Es ekelt mich, denn es ist ein totes Körperteil eines Lebewesens. Ein im Teig verarbeitetes Ei stresst mich da weniger. Für viele Veganer nicht rational, für mich persönlich ein Unterschied.

Fazit einer veganen Reise: Protest muss nicht immer radikal sein

Was ich mittlerweile immer wieder merke, wenn ich etwas Tierisches konsumiere: Mir tut das nicht gut. Geistig wie körperlich kämpft mein Körper. Da weiss ich, dass der Verzicht im Grossen und Ganzen richtig für mich (die Umwelt, die Tiere) ist.

Ich bin allgemein für einen reduzierten Konsum an Tierprodukten, weil das was heute abgeht einfach nicht normal ist. Nicht normal, nicht gesund: Weder für die Umwelt, noch die Tiere, noch die konsumierende Person.
Das grosse Ganze zählt und wenn ich zu 99% auf alles verzichte, ist das immer noch wesentlich besser als ein 100% Einsatz, denn ich nach wenigen Monaten abbreche.

So sehe ich meine Lebensweise als vegane Reise: Sie ist nicht komplett und ich werde wahrscheinlich nie am Ende angelangen und perfekt sein. Aber diesen Anspruch habe ich nicht. Dann bin ich vielleicht in den Augen der veganen Community keine Veganerin. Aber das macht mir nichts aus.


Auf die Frage, ob ich denn eine Veganerin sei, werde ich weiterhin mit “So gut es geht in unserer unveganen Welt” antworten. Weil sich das am ehrlichsten für mich anfühlt. Und auf Nachfrage erzähle ich dir gerne meine gesamte Ansichten 🙂 

 

was ich noch anfügen möchte –––

Vielleicht bin ich einfach nur nicht stark genug um zu 100% das vegane Programm durchzuziehen. Aber ich probiere es immer wieder, jeden Tag. Weil es geht hier nicht um Perfektionismus sondern um einen bewussten Umgang und Konsum. Jede Mahlzeit zählt.

Und mit diesem Text möchte ich niemanden angreifen, ich respektiere dich. Ob Veganer, Vegetarier, Flexitarier, Pescetarier, Fleischesser, weiss der Himmel was – wir sind alle zusammen auf diesem Planeten. Und Compassion untereinander finde ich persönlich genau so wichtig, wie auf dem Teller.)

 

 

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